Am 26. April war es endlich so weit: Nach 19 Monaten Wartezeit machte ich mich auf den Weg nach Österreich, um meinen neuen Assistenzhund kennenzulernen. Einige Tage zuvor hatte ich lediglich die Information erhalten, dass er größer als Bärti sei und aus dem Schweizer Wurf stammen würde. Mehr wusste ich nicht. Es war bereits mein zweites „Blind Date“ mit einem zukünftigen Assistenzhund, und die Aufregung war groß. Würde Elisabeth erneut den perfekten Hund für mich ausgesucht haben?
Die Koffer und Hilfsmittel wurden gepackt, ein riesiges Hundekörbchen verstaut und gemeinsam mit zwei Assistentinnen machten wir uns mit zwei Autos auf den Weg. Obwohl ich erst eine Woche zuvor aufgrund gesundheitlicher Komplikationen noch auf der Intensivstation gelegen hatte, schien am Abreisetag zunächst alles nach Plan zu laufen. Mit guter Musik und ohne Stau fuhren wir gemütlich in Kolonne Richtung Österreich.
Doch plötzlich begann das Auto, in dem ich saß, zu qualmen und blieb schließlich liegen. Schnell war klar: Der Motor hatte keine Leistung mehr, eine Weiterfahrt war unmöglich. Nach mehreren Stunden auf der Autobahn wurden wir abgeschleppt. Parallel machte sich meine Mutter mit dem Auto meiner Eltern auf den Weg zu uns. Gemeinsam luden wir das gesamte Gepäck um. Eine echte Herausforderung, denn das Fahrzeug war deutlich kleiner und verfügte über keine Rampe.
Für mich bedeutete das, die restliche Fahrt von rund acht Stunden auf einem normalen Autositz zu verbringen. Normalerweise sitze ich ausschließlich in speziell angepassten Sitzschalen in meinem Rollstuhl. Niemand wusste, ob das im Auto überhaupt funktionieren würde. Zudem war mein Körper von dem Krankenhausaufenthalt noch geschwächt. Doch Aufgeben war keine Option, schließlich wartete mein Hund auf mich.
Nach dieser spektakulären Anreise erreichten wir kurz vor Mitternacht unsere Ferienwohnung. Gemeinsam mit unseren herzlichen Vermietern, die ich bereits seit vielen Jahren kenne und die auf uns gewartet hatten, luden wir das Auto aus. Wir packten nur das Nötigste aus und fielen erschöpft ins Bett, denn bereits wenige Stunden später begann die Einschulung in der Hundeschule.
Pünktlich am 27. April stand ich gemeinsam mit meinen Assistentinnen und zwei weiteren Familien vor der Hundeschule. Niemand wusste, wie unsere zukünftigen Fellnasen aussehen würden. Die Trainer machten es spannend: Erst stand Theorieunterricht auf dem Programm, erst danach sollten wir unsere Hunde kennenlernen. Die Aufregung stieg von Minute zu Minute.
Und dann stand er vor mir. Groß, dunkelbraun und strahlende Augen. Wenige Minuten später sprang er schon auf meinen Schoß, ließ sich kuscheln und allen war klar: It´s a match!
Während der Einschulungszeit fanden Mr. Watson und ich sehr schnell zueinander. Schon bei den ersten Trainingsspaziergängen, die eigentlich nur zum Zuschauen gedacht waren, übernahm ich nach wenigen Minuten selbst die Führung. Es fühlte sich sofort richtig an.
Auch die Alltagstrainings in der Trainingshalle und in Einkaufszentren meisterten wir bereits nach wenigen Tagen souverän. Besonders die gemeinsamen Spaziergänge ließen uns als Team zusammenwachsen, denn ich bin einfach ein Draußenmensch und genieße die Natur mit Hund sehr.
Mr. Watson ist in einer wunderbaren Familie aufgewachsen, die ihn liebevoll auf seinen Weg als Assistenzhund vorbereitet hat. Besonders schön war, dass seine Gastmama inzwischen selbst als Trainerin in der Hundeschule tätig ist und unsere gesamte Einschulungszeit begleitet hat. Für sie waren es sehr emotionale Momente, mitzuerleben, wie aus ihrem kleinen Welpen und mir Schritt für Schritt ein Team wurde.
Auch für mich war das etwas ganz Besonderes. Durch die vielen Gespräche konnte ich viel über Mr. Watsons Entwicklung und seine Eigenheiten erfahren.
Am Mittwoch durfte Mr. Watson schließlich seine erste Nacht mit zu uns in die Ferienwohnung kommen. Von diesem Moment an waren meine Assistentinnen und ich vollständig für ihn verantwortlich. Gemeinsam fanden wir heraus, welche Regeln, Absprachen und Routinen unser neues Zusammenleben brauchte. Eines wurde dabei sehr schnell deutlich: Mr. Watson hatte das Kuscheln für sich entdeckt. Kaum war er bei uns angekommen, suchte er immer wieder meine Nähe und genoss jede Streicheleinheit in vollen Zügen. Seine verschmuste Art eroberte unsere Herzen im Sturm und machte die ersten gemeinsamen Tage noch besonderer.
Für einen unserer ersten gemeinsamen Lacher sorgte Mr. Watson nur wenige Tage später selbst. Gemeinsam waren wir zuvor bei Perro groß einkaufen gewesen. Als wir am Hundeshampoo vorbei gingen, beruhigte uns Elisabeth: Das brauche man vorerst nicht, das könnten wir später ganz entspannt zu Hause besorgen.
Drei Tage später wurden wir eines Besseren belehrt. Nach einem langen Tag in der Hundeschule kamen wir spät zurück in die Ferienwohnung. Da ich früh ins Bett wollte, übernahm meine Assistentin Lina noch die letzte kurze Gassirunde mit Mr. Watson. Eigentlich sollte es nur einmal kurz hinaus ans Feld gehen. Was wir allerdings alle nicht bemerkt hatten: Rund um die Ferienwohnung waren die Felder frisch mit Gülle gedüngt worden.
Ehe Lina reagieren konnte, hatte Mr. Watson offenbar einen ganz anderen Plan. Statt sich einen geeigneten Platz für sein Geschäft zu suchen, ließ er sich für den Bruchteil einer Sekunde begeistert in die frisch ausgebrachte Gülle fallen. Das Ergebnis war beeindruckend: Hund, Geschirr, Cape, Leine – und auch Lina – waren innerhalb kürzester Zeit schwarz gesprenkelt und verströmten einen unverwechselbaren Duft.
Aus unserem Plan, früh ins Bett zu gehen, wurde daher nichts. Stattdessen starteten wir noch am späten Abend eine große Wasch- und Duschaktion. Hundeshampoo hatten wir natürlich keines dabei. Also musste kurzerhand Linas Kokosshampoo herhalten. Mr. Watson war danach wieder sauber und wir hatten eine Geschichte mehr, die uns wohl noch lange zum Schmunzeln bringen wird.
Die Tage vergingen wie im Flug. Nach einer mit „Sehr gut“ bestandenen theoretischen und praktischen Prüfung sowie einer emotionalen Übergabefeier war es schließlich offiziell: Mr. Watson gehörte zu Team Lotte. Schon als Kind war die Übergabefeier für mich von großer Bedeutung, und ich trug bei Bärtis Übergabe ein dunkelblaues Dirndl. Als mir letztes Jahr im Urlaub zufällig ein solches Dirndl in die Hände fiel, stand mein Entschluss fest: Zur Übergabe meines zweiten Assistenzhundes würde ich wieder ein Dirndl tragen.
Zur Übergabefeier selbst reisten zwei wichtige Menschen für mich an. Meine Mutter, die es sich nicht entgehen lassen wollte, und der Mensch, der nicht nur Bärti, sondern jetzt auch Mr. Watson zu einem großen Teil finanziert hat. Herr Hachtel ist mittlerweile jedoch viel mehr als ein Sponsor; ich darf nun auch im Personalwesen viel von ihm lernen und genieße es, an seinem Wissen zu wachsen. Elisabeths lieben Worte rührten uns alle und wir hatten einen schönen Abend. Es sind tolle Gespräche mit anderen Teams entstanden, wir konnten noch einige Worte mit der Gastfamilie wechseln, altbekannte Gesichter freuten sich, mich nun endlich wieder mit neuer Fellnase zu sehen, und die Verabschiedung von allen Trainer*innen war sehr schön.
Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg – am Ende einer aufregenden Reise und am Anfang einer ganz besonderen Freundschaft. Schon in den ersten Tagen wurde deutlich, dass Mr. Watson nicht nur ein hervorragend ausgebildeter Assistenzhund ist, sondern auch ein fröhlicher, verschmuster Begleiter mit ganz eigenem Charakter. Ich freue mich in den nächsten Berichten von all den Abenteuern, Herausforderungen und schönen Momente zu schreiben, die nun vor uns liegen.
Endlich gemeinsam spazieren gehen
Im Einkaufszentrum
Bei den ersten Einkäufen
Ich bin ein "Draußen-Mensch".
Gemeinsam feiern wir das neue Team.